Zurück im Sattel - Gedanken zum Reiten

Ich schreibe diesen Text mit einem Lächeln im Gesicht und voller Dankbarkeit. Heute bin ich zum ersten Mal seit einem halben Jahr wieder im Sattel eines meiner Pferde gesessen. Etwas, über das ich mir in letzter Zeit viel Gedanken gemacht habe...
Das Jahr 2026 startete mit unklaren, komplexen Kankheitssymptomen meines 22 jährigen Wallachs Fjarki, der sich bis anhin einer robusten Gesundheit erfreute und den Tierarzt kaum kannte. Von Magen über Sehnen bis hin zu Befunden im Hals war die Diagnostik wie Zwiebeln schälen - kaum hatten wir das Gefühl, ihm endlich helfen zu können, kam das Nächste. Erschwerend, aber Isländertypisch lies sich der strebsame Gentleman oft erst etwas anmerken, wenn es bereits im Argen lag. Wie oft habe ich mir Vorwürfe gemacht, dass ich dies oder jenes übersehen hatte und eine Zeitlang noch geritten bin.
Mit dem Unwohlsein und insbesondere durch die eingeschränkte Bewegung während der Sehnen-REHA, fiel Fjarki sichtlich körperlich in sich zusammen. Mein Trainingshintergrund aus klassisch/akademischer Arbeit und in letzter Zeit viel biotensegralem Geländetraining (orientiert an Maren Diehls Verständnis, nicht dem von Rohrscheid & Co.) bot mir in diesem Moment zuwenig konkrete Handhabe. Parallel beschäftigte mich mein zweites Pferd mit aufweniger Asthma-Thematik und daraus erwachsenden grösseren Fragen von Stallwechsel bis zu Abgabe. Mein Geist war auch einfach zu erschöpft, ein eigenes Programm für Fjarki zu entwicklen. Ich wünschte mir einen ausgereiften Plan, mit dem ich ihm helfen konnte, wieder in seine körperliche Kraft zu kommen - auch wenn wir erst geradeaus Schritt gehen dürfen.
Bei meinen Recherchen bin ich auf Antje Wirtz gestossen, die einen tollen Podcast hat und mit der sehr empfehlenswerten Autorin Sandra Ruzicka zusammenarbeitet (Links siehe unten). Einlesen und -hören bestätigte mir, dass wir fachlich auf derselben Wellenlänge sind und so entschied ich mich, es mit ihrem Trainingskonzept KRAFTT zu versuchen. Eine überschaubare Investition, die sich für mich gelohnt hat. Antje's Onlinekurs zeigt einen fundierten, an sich einfachen (man muss es nur regelmässig tun!) Weg aus Kompensationen hin zu Tragfähigkeit. Richtig feine, solide Basisarbeit vom Boden, die unabhängig von Reitstilen, Rassen und Infrastruktur ist. Wer sich dafür interessiert, darf mich gerne für Details & Erfahrungen anfragen - ich kann es wirklich aus voller Überzeugung weiterempfehen (und das gibt's bei meinen hohen Ansprüchen selten😉).
Zurück zu Fjarki. Wir verbrachten das letzte halbe Jahr also mit gemeinsamen Spaziergängen und darin eingebauten Übungen, es gab Futter für Hirn und Körper und hie und da einen Wellnesstag. Mein jüngerer Wallach war derweil auf der Alp, genoss seine Freiheit und regenierte seine Lunge. Als er zurück kam, gingen wir zusammen wandern und fürs höhere Tempo (e-)biken. Ich war mit meinen vierbeinigen Freunden unterwegs und je länger, je mehr kam mir der Gedanke ans Reiten komisch vor, ja schon fast übergriffig. Wieso sollte ich mich da wieder drauf setzen? Wieso sollten sie mich durch die Gegend tragen, wo ich doch offensichtlich auch auf eigenen Füssen oder Rädern mit mochte?
Ich habe eine gute Bekannte, die nach langer Überlegung aus Überzeugung vom Reiten abgesehen hat, und einige, die aus (pferd-)gesundheitlichen Gründen eher unfreiwillig darauf verzichten. Meine Pferde sind aber auf gutem Wege, bei entsprechendem Training eine Tragfähigkeit zu erlangen, also was zaudere ich? Tatsächlich war es mein Beruf, der mich heute den Sprung in den Sattel hat nehmen lassen - pragmatisch, ja. Ich darf Sättel mitentwickeln und das kann ich schwerlich tun, wenn ich sie nicht selbst reiten kann. Die letzten Monate habe ich mich auch auf die Rückmeldungen ausgewählter Testerinnen gestützt, welche an meiner Stelle neue Modelle ausprobiert haben - aber REITFREUDE baut am Ende eben doch auf meiner sorgfältigen Auswahl und eigener Erfahrung auf, persönlich, ehrlich. Und deshalb bin ich gestern wieder in den Sattel gestiegen.
UND, oder ABER - jetzt kommt das für mich ganz wichtige und das was mir heute das Lächeln aufs Gesicht gezaubert hat: Reiten muss beiden Freude machen! Und heute hat mich Fjarki damit angesteckt. Reiten ist nicht mein Recht und nicht des Pferdes Pflicht, es ist eine gemeinsame Übereinkunft. Und in manchen Momenten passt es, in anderen nicht. Durch die Krankheitsgeschichten bin ich achtsamer auf die Äusserungen meiner Pferde geworden. Es ist mir nochmals bewusster geworden, dass ihre Stimme sehr leise ist und sie (wie viele Zweibeiner auch), lieber einmal schweigen, weil es der Weg des scheinbar geringsten Widerstands ist. Genauso wie wir, können sie äusserlich funktionieren, ohne innerlich mit Freude dabei zu sein. Wenn ich aus verschiedenen Gründen wieder in den Sattel steigen werde, will ich das nie vergessen zu berücksichtigen.
In der reitfreien Zeit bin ich auch selbst gelassener geworden gegenüber all den Dingen, die wir mit unseren Pferden "erreichen" könnten und sollten. Ein grundsolides Basistraining wie das von Antje reicht, ein schmerzfreies(!) Pferd in die Tragfähigkeit zu bringen. Darüber hinaus können wir tun, was uns Spass macht - uns beiden. Und das war heute ein flotter Wiesengalopp, zu dem Fjarki mich überredet hatte. Ich sinnierte noch über die Legitimation des Reitens, als Fjarki freudig anzog, sich (ganze der Gentleman eben) einen Buckler verkniff und Frauchen ein paar Jauchzer entlockte☺️. Diese leichten Momente dürfen wir in vollen Zügen geniessen - und den nächsten Tag wieder so nehmen, wie er kommt.

Back home, beide zufrieden...
Antje Wirtz / Podcast "Freizeitpferde gesund & munter" / Onlinekurs kaufen (über diesen Link kannst du ihn jederzeit erwerben, ohne auf ein nächstes Webinar von Antje zu warten - und mir gibt's einen Mini-Zustupf in die Pferdekasse)
Sandra Ruzicka's Bücher / Biotensegrity Maren Diehl (fachlich in meinen Augen das tiefste Biotensegritätsverständnis und viele mutmachende Gedanken)
